Ich werde alt. Aber Amrum nie.

Ich werde alt. Aber Amrum nie.

16. September 2026 Erfüllt leben 0

Ein Bohlenweg führt durch Dünen zu einem Seezeichen hin. Aufgenommen auf Amrum.

Ich schreibe diese Zeilen im Urlaub. Muss ich, weil ich weiß, dass ich sie zuhause nicht mehr so intensiv fühlen werde.

Es ist 11 Uhr vormittags und ich bin schon wieder müde, habe meinen ersten Spaziergang in heute ziemlich windiger Seeluft bereits hinter mir.

Seit meiner Kindheit komme ich auf diese Insel; 1988, mit knapp 5 Jahren, zum ersten Mal. Ich hab sie mir also nicht ausgesucht. Sie wurde für mich ausgesucht. Schicksalsinsel. (Oha, das hört sich aber dramatisch an.)

Kein Ort außer meinem Elternhaus und dem dazugehörigen Dorf existiert in meiner Welt so lange und ist emotional so aufgeladen, wie Amrum. Wenn ich hier ankomme, bin ich immer berührt. Die unvergleichliche Schönheit der Insel und der Widerhall meiner Kindheit beschwören mit vereinten Kräften intensive Emotionen herauf.

Jeder Ort, jedes Fleckchen hier ist gespickt mit Erinnerungen. Ich stehe an einer Ecke, an der ich schon unzählige Male stand und bin dem Kind in mir ganz nah. Ich kann ihre Liebe zu diesem Ort spüren und die tiefe Geborgenheit, die sie hier spürte und die ich hier noch immer spüre. Kaum ein Ort ist mir so vertraut.

Achtung: Du kannst Dir diesen Beitrag auch als Podcastfolge meines Podcasts Venus Codes von mir vorlesen lassen. Du findest die Venus Codes auf Spotify (siehe Vorschauplayer unten), auf RTL+ und auf Apple Podcasts.

Sehnsucht nach der Illusion

Ich spüre meine Sehnsucht nach diesem Zustand in mir, in dem meine Illusion, meine homemade Mythologie über die Welt, noch meine unangefochtene Wahrheit war. Ich sah noch nicht klar und ich war noch nicht mit dem Schmerz in mir in Kontakt. Meine Welt war nicht heile, aber ich merkte es noch nicht so sehr. Wenn ich hier bin, suche ich auch immer ein Stück weit nach diesem Zustand. Nach dieser Geborgenheit, nach dem Nichtwissen, nach dem Dazugehören.

Ich weiß, ich kann nicht zurück, will es letztendlich auch nicht. Aber näher dran an „zurück“ als hier komme ich nirgends.

Das ist die Vergangenheit. Die schwingt hier immer mit.

Aber da ist auch Gegenwart für mich auf Amrum. Das, was hier und jetzt wahr ist, zwischen mir und „meiner“ Insel.

(Ich weiß, so viele nennen sie die ihre. Wie großzügig von ihr, dass sie das einfach mit sich machen lässt.)

Was wahr ist

Wahr ist: Sie ist wunderschön. Diese ewigen Dünen, dieser ewige Strand. Die einmalige Farbkombination von lila Heide, sandgrünem Dünengras und manchmal blauem, manchmal graublauem, manchmal schwarzem Meer. Zum Reinlegen für die Augen. Das warme Licht am Morgen und am Abend auf dieser Schönheit.

(Wenn nicht wieder gerade Wind und Wetter ist. Dann der magische Sturm, der Dein ganzes System einmal auf links dreht. Einmal alles aus der Tiefe nach ob und nach außen spült.)

Wahr ist auch: Baden in der Nordsee ist so schön. Mich von Salzwasser tragen lassen. Früher waren wir immer im Winter hier. Baden und Amrum ist ganz meins im Hier und Jetzt, hat für mich keine Geschichte.

Wahr ist: Dieses Rauskommen aus dem Alltag tut mir unglaublich gut. Nichts zu tun haben außer Frühstück, Morgenspaziergang, Chillen, Baden gehen, Torte, Chillen, Abendessen, Abendspaziergang. Und das jeden Tag. Bei Regen das Gleiche, bloß mit Regencape. (Außer Baden.)

In Kontakt mit mir

Ich komme hier in Kontakt mit mir. Nicht nur mit meiner Vergangenheit, mit der, die ich ich mal war. Auch mit meinem Jetzt, mit meinem gegenwärtigen Ich. Und vielleicht auch mit der, die ich noch werden kann.

Und wie meistens, wenn ich wegfahre, wird mit dem Abstand vieles im Leben unwichtig. Der Blick verändert sich, als würde das Leben sagen: Schau doch mal richtig hin!

Auch wenn ich zuhause ebenfalls viel reflektiere und sinniere – eingebunden im Alltag ist meine Perspektive doch einfach eine andere. Der Abstand zu manchen Dingen fehlt.

Hier sagt mein Blick: Die Menschen, die ich liebe und die mich lieben, sind mir das Wichtigste im Leben. Das ist gleich, hier wie dort. Dieser Wert ändert sich nicht mit dem Ort.

Aber vieles andere schon. Außer den Menschen wird von hier aus betrachtet so vieles unwichtig. Mein Business, mein Job… eigentlich egal. Eigentlich will ich nur lieben und am Meer liegen. Und Kaffee und Torte.

(Nachtrag: Zurück zuhause bekommen meine kreativen und beruflichen Ambitionen dann doch auch immer wieder einen höheren Stellenwert.)

Ich lasse meine Selbstständigkeit los

Ich spüre in dieser Zeit in meinem Leben (nicht nur hier im Urlaub), dass ich loslasse. Ich lasse meine Selbstständigkeit los. Das ist gar nicht so dramatisch, wie es sich vielleicht anhört und auch keine große Ankündigung.

Exakt formuliert müsste es auch vielmehr heißen: Ich lasse meine Ego-Identifikation mit meiner Selbstständigkeit los. In diesen Tagen spüre ich es ganz besonders, ich gebe sie der wogenden Nordsee und dem brausenden Wind hin.

10 Jahre lang habe ich gekämpft. Im Detail, im Alltag war es gar nicht immer so schwer, aber wenn ich mit weitem Blick zurückschaue, sehe ich, wie sehr ich bis letztes Jahr gekämpft habe. Gekämpft vor allem um Anerkennung, darum, gesehen zu werden mit dem, was ich zu geben habe.

Das ist keine neue Erkenntnis und auch kein neuer Prozess für mich. Aber eine neue Stufe davon. Eine neue Schicht, die ich loslasse.

Weißt Du, ich mache diese Arbeit unglaublich gerne. Gerade verändere ich ja auch mein gesamtes Angebot. Außerdem steht ein (technisch notwendiger) Website-Relaunch vor der Tür… oder ist vielleicht schon durch, wenn dieser Beitrag erscheint. (Nope!)

Es ist bestimmt nicht das Ende meiner öffentlichen Beiträge und meiner Selbstständigkeit. Aber es muss das Ende sein vom Kampf um Anerkennung. Vom Kampf darum, gesehen zu werden. Erkannt zu werden, verstanden zu werden.

Ein Ort jenseits der Suche nach Anerkennung

So wie Amrum auch jenseits meiner kindlichen Sehnsucht ein Ort für mich ist, soll auch meine Selbstständigkeit jenseits meiner Suche nach Anerkennung ein Ort für mich sein. Ein heilerer, von mir selbst dazu gemacht.

Ich glaube, das ist das kraftvollste Potential unserer Midlife-Jahre: Dass wir aufhören, aus den „falschen“ Gründen zu kämpfen und anfangen, unsere begrenzte Lebenszeit und -energie radikal heilsam, für unsere Wahrheit und für die, die nach uns kommen, einzusetzen.

Ich glaube, wenn’s gut läuft, ist das das, was die Midlife-Jahre mit uns machen können. Uns radikalisieren, im besten aller Sinne. Und ja, eine bewusste Entscheidung dafür kann wie immer nicht schaden.

Aber bevor ich diesen Artikel beende und die nächste Runde baden gehe, möchte ich noch erläutern, was ich mit dem „ich werde alt“ im Titel meine…

„Ich werde alt“

Gestern, beim Spaziergang durch die Dünen, hab ich mich bei einer Frage erwischt: „Warum bin ich eigentlich jemals woanders hin in den Urlaub gefahren?“

Das ist natürlich keine ernstgemeinte Frage. Sondern Ausdruck der großen Liebe zu dieser Insel, die jedes Mal von Neuem auflodert, wenn ich hier bin. Ich weiß gut, warum es mich rausgezogen hat, weit in die Welt, viele Jahre nicht ganz so sehr an die (deutsche) Nordseeküste. Die starke Schütze-Seite in mir wird es immer wissen und verstehen. (Hier kannst Du Dein Astro-Reading bestellen!)

Aber trotzdem… mich bei dieser Frage zu erwischen lässt mir keine andere Wahl, als eine Parallele zu sehen, zwischen mir und den vielen Senior:innen auf der Insel und in meiner Unterkunft. Manche von ihnen kommen seit 50 Jahren jedes Jahr hierher und… I get it. Warum sollte man auch woanders hinfahren?

Ich weiß, ich bin nicht alt. Ich bin mittelalt, wie der leckere Gouda. Im Hotel war ich sogar „die junge Frau“, hihi. (Ich war es aber tatsächlich wirklich, die jüngste Gästin.)

Aber ich hab doch auch schon einiges gesehen, einiges ausprobiert im Leben. Von vielen Dingen weiß ich sicher: Brauche ich in diesem Leben nicht. Zum Beispiel Techno (an den meisten Tagen), Mallorca (ich weiß, hat uuunglaublich schöne Ecken), Kreuzfahrten (Umweltsauerei).

Bei manchen Dingen weiß ich sicher: Die sind meins, die tun mir gut. Zum Beispiel Singen, Radfahren, Fußmassagen. Und eben Amrum.

Das ist auch eine tolle Seite am Mittelaltsein: schon einiges zu wissen über uns selbst und trotzdem (wenn’s gut läuft) noch viel mehr über uns und das Leben erfahren können.

In diesem Sinne: Hoffentlich werde ich alt. Und hoffentlich kann ich mich noch viele Male von der zeitlosen Schönheit Amrum berühren lassen.

Beitrags- und Pinbild: Jens Herrndorff via unsplash.com

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Ein Bohlenweg führt durch Dünen zu einem Seezeichen hin. Aufgenommen auf Amrum. Auf dem Bild steht der Text: "Ich werde alt. Aber Amrum nie. Was unsere Seelenorte mit uns machen. Podcast! Jetzt hören! suzannefrankenfeld.de"

Über die Autorin

Suzanne: Suzanne ist Mentorin für Frauen im Wandel.

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