Domenico oder Das Göttliche grüßt jeden Tag
Gestern stieg ich in Hannover in den Zug. In einen Zug, in den ich alle zwei Wochen steige und der oft Verspätung hat.
Der Zug steht (wenn’s gut läuft) immer schon eine Weile am Gleis, bevor er losfährt. So auch gestern. Ich saß da also in so einem Vierersitz im Zug, noch im Hannoveraner Hauptbahnhof. Mein Rucksack lag auf dem Sitzplatz neben mir. Mir gegenüber saß eine ältere Frau.
(Die ältere Frau hat für diese Geschichte keine Relevanz, aber sie nicht zu erwähnen, wäre auch falsch gewesen. Wir haben ein paar nette Blicke und Worte gewechselt.)
Mehr und mehr Menschen stiegen ein und ich nahm meinen Rucksack auf meinen Schoß, um den Sitzplatz neben mir freizugeben. Im selben Moment stieg ein „junger“ Mann ein. Er war nicht wirklich viel jünger als ich, maximal ein paar Jahre (?!), aber er hatte irgendwie etwas sehr Jugendliches an sich.
Der „junge“ Mann sah, wie ich meinen Rucksack vom Sitzplatz nahm, bedankte sich (in einer anderen Sprache als Deutsch) und setzte sich neben mich.
Er schlug ein Buch auf und ich erkannte, dass er auf Italienisch las.
Der Zug stand. Und stand. Und stand. Er fuhr nicht los, obwohl wir die geplante Abfahrtszeit bereits überschritten hatten.
Irgendwann wurde durchgesagt, dass die Strecke aktuell gesperrt sei, weil Unbefugte auf den Gleisen rumturnten (mein Wort). Etwa im 5- bis 10-Minuten-Takt wurde diese Ansage wiederholt. Ja, wir standen ein Weilchen im schönen Hannoveraner Hauptbahnhof.
Ins Gespräch
Etwa bei der zweiten gleichlautenden Durchsage kamen der „junge“ Mann und ich ins Gespräch. Er sprach kein Deutsch und fragte mich auf Englisch mit italienischem Akzent, was durchgesagt worden sein. Ich übersetze es ihm.
Anschließend suchte ich ihm online noch ein paar Infos zu seiner Reise und möglichen Ankunftszeit raus. Zum Glück musste er nicht mehr umsteigen.
Neugierig wie ich bin (Zwillinge-Sonne!) fragte ich den Mann, was er denn vorhabe, an diesem kleinen Ort in Niedersachsen. Er erzählte mir, dass er dort einen Mönch besuche, einen Bekannten seiner Mutter. Seine Mutter und der Mönch hatten zusammen eine Yogalehrer:innen-Ausbildung gemacht. Fand ich irgendwie eine lustige Info.
Der Zug fuhr inzwischen. Und das Gespräch wurde immer angeregter.
Ich erfuhr, dass er aus der Toskana kommt. Dass es dort gerade Überflutungen wegen übermäßigem Regen gegeben hatte. (Ich sagte ihm, dass er etwas von dem Regen ruhig hätte mitbringen können, weil es hier nämlich gerade mal wieder ganz schön trocken ist.)
Ich erzählte ihm von meinem Gesangsunterricht und Depeche Mode und den euphorischen italienischen Depeche Mode-Fans. (Hab die Band auch dort schon mal live gesehen.)
Wir sprachen über die unterschiedlichen emotionalen Grundschwingungen unserer beider Herkunftsländer (Italien und Deutschland). Über seine Verwandtschaft in Südafrika und seine Oma aus Großbritannien, die – so meine Vermutung – vermutlich mit für seine schönen grün-blauen Augen verantwortlich war.
(Dies ist keine Flirt-Geschichte! Obwohl… vielleicht doch. Vielleicht ist es eine Geschichte über einen Flirt mit dem Leben.)
Er führte vor allem seine sehr helle Hautfarbe auf die UK-Vorfahrin zurück.
Große Reise
Ich erzählte ihm von meiner großen Reise, damals, nach Indien und Südafrika.
Es würde auch gerne mal nach Südafrika gehen, und dort bei seiner Verwandtschaft arbeiten, für eine Weile. Ich ermutigte ihn.
Er arbeitet in einem Weinladen in der Toskana.
Und so flogen die Geschichten und Träume und Fragen und Gedanken hin und her. Wie kurz 40 Minuten sein können! Und gleichzeitig: Wie erfüllt!
Da war ein Funkeln in seinen Augen, eine ganz große Lebendigkeit.
Da war keine körperliche Anziehung im Hier und Jetzt. Aber etwas viel Tieferes. Ein Baden in der Fülle unserer Seelen. Ein kurzer, intensiver, erfüllender, beschenkender Kontakt. Von dem wir beide wussten: Er würde nur eine Zugfahrt lang dauern.
Ich liebe solche Begegnungen. Auf Reisen erlebe ich sie öfter als in meinem Alltag. Aber an manchen Tagen meint das Leben es besonders gut mit mir und schickt so eine:n Reisende:n meines Weges. Vielleicht, um mich daran zu erinnern, dass unerwartete Erfüllungen und Seelenbegegnungen jeden Tag, hinter jeder Ecke auf mich warten können. Auf Dich warten können. Auf uns warten können.
Überhaupt war da gestern in diesem Zug, in diesem Moment alles so friedlich.
Menschen unterschiedlichsten Alters, unterschiedlichster Herkunft (ich meine damit nicht nur den Mann und mich, sondern alle, die in der Nähe saßen) und unterschiedlichster Erfahrungen alle so friedvoll beieinander. Blauer Himmel. Sonne scheint. (Ok, wir brauchen hier eigentlich mal Regen…)
Alles gut.
Auftankmoment
Es war ein wahrer Auftankmoment. Nicht nur wegen der schönen, erfüllenden Begegnung mit dem italienischen Reisenden. Sondern auch wegen des Friedens, wegen der Harmonie in diesen etwa 75 Minuten.
So gut, so friedlich kann es auch sein. Können wir auch miteinander sein. Das weiß ich in der Theorie, aber es so intensiv zu erfahren, war eine Wohltat für mich – besonders vor dem Hintergrund der aktuell so aufreibenden Zeiten, die gefühlt so viele Gesellschaften entzweit.
(Oder die vielleicht auch einfach Brüche sichtbar macht, die schon lange da waren, aber früher mehr im Untergrund, in der Unterwelt, im Unbewussten geschlummert haben.)
Irgendwann musste ich aussteigen. Wir haben bis zum letzten Moment gequatscht und hätten bestimmt noch Stunden weiterquatschen können. Aber manchmal ist die Kürze, die eine Begegnung dauert, auch genau perfekt.
Zum Abschied stellte er sich mit Namen vor: „Domenico, by the way.“ Domenico – „dem Herrn gehörig“ oder „Gott geweiht“. Sein Name hätte nicht treffender sein können. (Auch wenn das Göttliche für mich nicht ein „Herr“ ist.)
Denn die Begegnung mit Domenico war für mich wie ein kraftvoller Gruß des Lebens, eben eine Erinnerung daran, dass Segen und Fülle und Seelenbegegnungen hinter jeder Ecke (oder Zugtür) auf uns warten können.
Eine Erinnerung und Einladung, an das Gute zu glauben, dafür offen zu sein, es anzunehmen, wenn es sich uns offenbart.
Eine Erinnerung daran, dass das Leben magisch ist und wir an jedem Tag mit Wundern rechnen dürfen. (Wobei sie natürlich fast noch toller sind, wenn wir nicht mit ihnen rechnen.)
Eine Erinnerung für Dich
Und diese Erinnerung und Einladung, die mir gestern im Zug geschenkt wurde, wollte ich gerne heute hier auf dem Blog an Dich weiterschenken.
Vielleicht war das Lesen dieses Beitrags nicht ganz so eine magische Erfahrung wie meine Begegnung mit Domenico gestern. (Falls doch, lass es mich unbedingt unten in einem Kommentar wissen!)
Aber:
Bleib auch Du offen für die Wunder, die Dir jeden Tag passieren können. Übe Dich darin, die Schönheit in der Welt und in den Menschen zu sehen. Öffne Dein Herz dafür, es berühren zu lassen, zum Beispiel von der Begegnung mit einem random und vielleicht auch gar nicht so random Mitreisenden im Zug.
Danke, Leben. Danke, Domenico!
Beitrags- und Pinbild: Fredrik Öhlander via unsplash.com
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