Vom freien Fluss zurück ins System: Mein ehrliches Zwischenfazit nach 6 Monaten im neuen Job

Du kannst Dir diesen Beitrag auch als Podcastfolge meines Podcasts Venus Codes von mir vorlesen lassen. Du findest die Venus Codes auf Spotify (siehe Vorschauplayer unten) und auf Apple Podcasts.
Mein Comeback im Angestelltenleben: Was mir gut tut – und was nicht so
Vor sechs Monaten habe ich einen neuen Job angefangen – nach neun Jahren Vollzeit-Selbstständigkeit! Über meine Beweggründe und meinen laaangen Entscheidungsprozess habe ich Dir in diesem Beitrag berichtet: Ich habe einen Job! (Nach 9 Jahren Vollzeitselbstständigkeit).
Heute, nach gut sechs Monaten im nun gar nicht mehr sooo neuen Job, möchte ich Dir ein Update geben und berichten, wie es mir ergangen ist. Ich hatte mir schon gedacht, dass die Veränderung, die dieser neue Job für mich bedeutet, ziemlich intensiv sein würde. Deshalb habe ich mir von Anfang an Notizen gemacht, sodass ich all die Prozesse eines Tages (welcher heute ist!) mit Dir teilen kann.
Lass uns also loslegen.
Grundsätzlich
Grundsätzlich muss ich sagen, dass ich es mit diesem Job ziemlich gut getroffen habe. Mir gefallen die Kultur und der Umgang miteinander im Unternehmen gut – ich würde sogar sagen, es ist aus dieser Perspektive mein bisher bester Arbeitgeber. (Über meinen kurvenreichen beruflichen Weg und den Schritt in die Selbstständigkeit kannst Du in meinem Buch „Durch die Jobkrise zu mir selbst“ lesen.)
Die Einarbeitung war energetisch für mich unglaublich viel. Das hatte ich auch erwartet und war ein Stück weit darauf eingestellt. Aber in der erlebten Realität war es dann tatsächlich nochmal krasser als erwartet. Die ersten fünf, sechs Wochen war ich nach der Arbeit immer extrem erschlagen. Das wiederum hat mich ganz schön schockiert und frustriert.
Ich halte ja regelmäßig abends 1:1-Sessions und Gruppen; und ich muss ehrlich sagen, dass ich in den ersten Wochen mit dem zusätzlichen Job ein paar Mal vor Verzweiflung geweint habe, weil ich nicht wusste, woher ich noch die Kraft nehmen sollte, diese Räume zu halten.
Es hat dann aber doch immer gut geklappt und ich erlebte jedes Mal die tiefe Freude, die mich immer wieder sofort ergreift, wenn ich meine Berufungsarbeit mache 💗
Die Weite fehlt mir
In den ersten Wochen und Monaten fehlte mir die Weite in meinem Alltag so sehr! Ich war es ja vor dem Job gewohnt gewesen, mega flowig in meinem eigenen Rhythmus zu arbeiten. Die zusätzlichen 20 Stunden pro Woche mit relativ fester Anwesenheitszeit vor Ort in einem Büro haben meinem Leben schon ein Stück weit diese Weite und Freiheit genommen.
Das habe ich richtig intensiv betrauert. Nach wenigen Wochen im Job, in einem sehr erschöpften Moment, schrieb ich mal diese Zeilen:
In meiner idealen Welt kann ich jederzeit anhalten, mich hinsetzen und den Tanz der Blätter im Wind beobachten. So lange ich will. Bis ich davon satt bin.
In meiner idealen Welt bin ich zuallererst Tante für meine Nichte und meinen Neffen. Bin ich da für sie, zeige ihnen die Welt und meinen Blick darauf. Lerne die Welt durch ihre Augen neu kennen. Gebe ihnen Geborgenheit. Genieße die vielen kleinen, süßen Momente, in denen ich einfach ihr Sein, ihre Seelen beobachten, begleiten, halten, beschützen darf.
Ich bin hier, um Räume zu halten, um Menschen ganz in Ruhe anzuschauen, sie zu sehen, ihnen ihre Schönheit zu spiegeln.
Ich bin nicht hier, um einen Job zu haben. Ein Rädchen in einer großen Maschine zu sein, die mich eigentlich nicht interessiert.
An einem Sonntag in den ersten Wochen mit Job hatte ich einmal so einen richtigen „Eat Pray Love-Moment“ – und zwar einen von der unromantischen Sorte: „Ich will keinen Job haben,“ schluchzte ich meiner Freundin Johanna in eine Sprachnachricht. Im Original schreibt/sagt Liz Gilbert: „Ich will nicht verheiratet sein“, nachts, im Ehebett liegend – zu ihrem Mann.
Im Buch/Film folgt auf diese Szene bald eine üble Scheidung. (Sorry für den Spoiler, falls Du Eat Pray Love noch nicht kennst!) Meine Geschichte geht anders weiter, aus Gründen:
Ich finde sie wieder
Neben all der Erschöpfung merke ich, dass ich nach der Job-Arbeit oder wenn ich frei habe, ganz schnell wieder in der Weite ankomme, die ich in meinem neuen Büro-Alltag oft vermisse. Da habe ich offenbar ein gutes Fundament erschaffen.
Nach etwa 6 Wochen im Job hat die tägliche Erschöpfung auch abgenommen. Ich war dann nicht mehr jeden Tag total erschlagen und habe mich (einigermaßen) an das frühere Aufstehen gewöhnt. Manche Tage und Wochen sind trotzdem ganz schön anstrengend, wenn sowohl im Job als auch im Berufungsbusiness viel los ist. Die Berufungsarbeit gibt mir trotzdem immer Kraft und Inspiration, sie ist mir eine tiefe Freude.
Die andere Seite der Medaille
Wie Du siehst, gab es (wie erwartet) auf jeden Fall herausfordernde Aspekte an dieser Veränderung für mich. Aber die Entscheidung für den Job hat zum Glück auch wohltuende Seiten:
Die Gewissheit, dass jeden Monat ein fixes Gehalt auf meinem Konto eingeht, hat – um es mit Stephanie MacKinnons Worten zu sagen – eine Ruhe in mein Nervensystem gebracht, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie brauche. (Stephanie sagt in Venus Codes-Folge 147: „[…] calmed my nervous system in a way I didn’t know it needed to“.)
Auch wenn der Job mir auf eine Weise Weite und Ruhe „genommen“ hat, hat mir das feste Gehalt Weite und Ruhe auf einer anderen Ebene geschenkt.
Es ist nicht so, dass vorher keine Weite in meinem System war. Im Gegenteil: Ich kann mit finanzieller Unsicherheit ziemlich gut umgehen. Doch das feste Einkommen scheint ein Ankommen in einer Ruhe und Erdung zu bewirken, von der ich vorher gar nicht wusste, dass ich sie mir gewünscht habe.
Learning: Einarbeitung/Job unterschätzt!
Ich hatte mir sehr gezielt einen Assistenz-Job gesucht, und eben keinen als Communication Managerin oder ähnliches. Das war (so dachte ich zumindest) eine wohl durchdachte Entscheidung.
Mein Grund für diese Entscheidung war, dass ich meine kreativen „Säfte“ für meine Selbstständigkeit aufheben wollte und die Aufgaben im Job möglichst stark von meiner freiberuflichen Arbeit abgrenzen wollte. Außerdem wollte ich einen möglichst entspannten, nicht so stressigen Job. Deswegen habe ich mich ganz bewusst für einen administrativen Job mit nicht so viel Verantwortung und wenig im herkömmlichen Sinne kreativer Arbeit entschieden. (Klar, man braucht in jedem Job in irgendeiner Form Kreativität, keine Frage!)
Ich muss ehrlich sagen: Der Plan ist nicht so ganz aufgegangen und war rückblickend wirklich nicht so schlau.
Mein Job ist komplexer und fordernder, als ich mir das so ausgemalt habe. Deutlich komplexer und fordernder. Er ist an den meisten Tagen nicht so easy peasy, wie ich mir das gedacht habe. Die einzelnen Aufgaben sind zwar an sich nicht hyperkomplex, aber es sind sehr viele verschiedene Aufgaben und ein insgesamt eher hohes Arbeitsvolumen.
Auch die Einarbeitungsphase war genauso fordernd, wie sie es wahrscheinlich in einer finanziell höher bewerteten Stelle gewesen wäre. Eine Bekannte von mir hat kürzlich neben ihrer Selbstständigkeit einen Job als Verkäuferin in einer Bäckerei angefangen und hat Ähnliches berichtet.
Trugschluss
Der Gedanke „Job, für den ich nicht meine höchste Qualifikation brauche = entspannterer Job“ hat sich also als absoluter Trugschluss erwiesen.
Und: Ich lasse durch diese Entscheidung richtig viel Geld auf der Straße liegen, das ich in einem Job mit einem anderen Anforderungsprofil verdienen könnte. Damit hadere ich des Öfteren mal. Schließlich habe ich mir diesen Job ja in erster Linie zum Geldverdienen gesucht; nicht aus Leidenschaft.
Auf der anderen Seite gibt es in den besser bezahlten Berufsfeldern, die für mich in Frage kämen, gefühlt nochmal weniger ausgeschriebene Stellen mit 50%- oder 60%-Teilzeit. (Das finde ich übrigens absolut nicht mehr zeitgemäß… aber das ist wieder ein anderes Thema.)
Zurück im kapitalistischen Hustle
Ein weiterer Aspekt, der mich seit dem Start im neuen Job sehr bewegt, sind die chronische Dringlichkeit, Eile und Überlastung, die in unserer Arbeitswelt fast überall herrschen. Von Anfang an habe ich gespürt, wie schnell mich diese kapitalistischen Dynamiken einzunehmen drohen. Der Sog ist unglaublich stark, wenn man im System drin ist.
Mit dem „System“ meine ich übrigens nicht meinen Arbeitgeber. Ich finde meinen Arbeitgeber echt gut. Die Kultur dort ist super, der Umgang miteinander sehr wertschätzend. Es wird ehrlichgemeint auf ein gutes Miteinander wertgelegt und geachtet.
Trotzdem ist das Unternehmen keine Insel und wirken auch dort natürlich die kapitalistischen Grundprinzipien.
Als chronische Overgiverin muss ich mich zurück in diesem Feld sehr im Blick behalten und kontinuierlich bewusste Abgrenzungsarbeit machen. Klar, ich möchte einen guten Job machen, aber NEIN, ich möchte mich nicht ausbrennen und die Themen nicht mit nach Hause nehmen. Und in einem kapitalistisch geprägten System ist Ausbrennen eben leider „normal“.
Ich habe in den ersten Monaten gemerkt, dass mir der gesunde Abstand zu den kapitalistischen Dynamiken im Arbeitsalltag sehr schnell verloren ging und ich mich habe stressen lassen. Mein eigener internalisierter Kapitalismus und die damit verbundene innere Anspannung, Leistungsdruck und Perfektionismus wurden in diesem Alltag extrem schnell getriggert.
Deshalb bin ich kontinuierlich im Prozess, Ruhe und Gelassenheit in meinem System zu bewahren/herzustellen. Ich muss offen gestehen: Manchmal gelingt es mir nicht und mir geht es dann absolut nicht gut damit. Es ist wirklich eine Meisterinprüfung in Achtsamkeit, Selbstannahme und Smashing des internalisierten Kapitalismus. Ein extrem gutes Übungsfeld dafür.
Meine Learnings und Erkenntnisse für Dich
Meine Haupterkenntnis der ersten Monate im neuen Job war, wie krass viel Achtsamkeit und innere Arbeit ich brauche, um mich von (internalisierten) kapitalistischen Dynamiken wie Perfektionismus und Leistungsdruck abzugrenzen. In den neun Jahren außerhalb des Systems habe ich mir dafür ein solides Fundament gelegt. Trotzdem ist es manchmal nicht leicht.
Falls Du angestellt arbeitest und es Dir in irgendeiner Form ermöglichen kannst, würde ich Dir unbedingt ans Herz legen, Dich mal für längere Zeit (mindestens ein paar Monate, am besten länger) aus der „normalen“ Arbeitswelt rauszuziehen.
Denn wie bei einem dysfunktionalen Familiensystem macht es auch bei unserer kapitalistisch geprägten Arbeitswelt Sinn, auf Distanz zu gehen. Sich mal wirklich rauszuziehen und zu spüren, wie uns dieses System eigentlich beeinflusst, wie wir uns verbiegen, um dort reinzupassen.
Man kann diese Dinge natürlich auch wahrnehmen, während man in das System eingebunden ist. Aber aus der Distanz ist es meiner Erfahrung nach leichter, die undienlichen systemischen Muster in uns von unserer Wahrheit zu trennen und (zumindest ein Stück weit) zu transformieren.
Einordnung für meinen Seelenweg und Fazit
Für mich persönlich kann ich sagen, dass sich mein Schritt in die Festanstellung nach wie vor richtig anfühlt – trotz der facettenreich gemischten Gefühle, die diese Veränderung in meinem Leben hervorgerufen hat. Ich bin zufrieden und im Frieden mit meiner Entscheidung.
Ich fühle mich in diesem Job, trotz der für mich schwierigen Aspekte, auch irgendwie am richtigen Ort. Die Arbeit mit meinen Kolleg:innen (die sind toll!) macht mir Spaß. Meine Aufgaben machen mir grundsätzlich Spaß. Das regelmäßig eingehende Gehalt tut mir gut.
Ich habe das Gefühl, dass dieser Job irgendwie eine wertvolle Station auf meinem Weg ist, dessen nächste Schritte ich noch nicht sehe. Keine Ahnung, wohin er mich irgendwann mal führen wird.
Gleichzeitig möchte ich ganz aufrichtig sagen: Lieber wäre es mir gewesen, wenn ich nie einen Job hätte annehmen müssen. Wenn ich einfach entspannt von meiner Herzensarbeit leben könnte. Ich finde meinen Alltag ok, wie er jetzt ist; und gleichzeitig ist er ganz klar ein Kompromiss.
Kürzlich hatte ich zum ersten Mal (seitdem ich den Job hab) eine Woche Urlaub, ohne wegzufahren. Plötzlich war da wieder diese Weite in meinem System, die bis vor einem halben Jahr mein „Normalzustand“ war. Das war schon nochmal ein schmerzlicher Moment, mir des Verlusts dieser Weite in meinem Alltag wieder so bewusst zu werden.
Ich bin dankbar für vieles in meinem Leben und gleichzeitig spüre ich dieses noch unerfüllte (berufliche) Potential in mir. Ich bin angekommen und gut in Kontakt mit mir und gleichzeitig irgendwie weiter auf dem Weg und auf der Suche. Wie wahrscheinlich so viele von uns 🙂
Ich hoffe, dieser Beitrag inspiriert Dich, Deinen eigenen Weg zu gehen und mit Dir und Deiner Wahrheit in Kontakt zu bleiben – auch und gerade dann, wenn Dein Weg mal Kompromisse erfordert.
Danke fürs Lesen bzw. fürs Zuhören. Ich freue mich sehr über Deine Gedanken zu diesem Beitrag/dieser Folge in einem Kommentar!
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Quelle für alle Bilder von Suzanne auf dieser Seite: Grit Siwonia
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