Warum unsere Eltern für uns nicht „unantastbar“ sein dürfen, wenn wir in unsere wahre Kraft kommen wollen

Warum unsere Eltern für uns nicht „unantastbar“ sein dürfen, wenn wir in unsere wahre Kraft kommen wollen

Kindheit aufarbeiten – Warum unsere Eltern für uns nicht „unanstastbar“ sein dürfen, wenn wir in unsere wahre Kraft kommen wollen

Gestern bin ich von einer Woche „Hofsitting“ auf dem Hof meiner Eltern zurückgekommen. Meine Hofsitting-Aufenthalte sind – wie übrigens auch jede meiner Reisen! – immer eigene Prozesse und ich bin gerade noch am Verarbeiten und Integrieren.

Trotzdem ruft es mich schon heute sehr klar und deutlich, diesen Artikel zu schreiben, der in Teilen bereits seit Monaten in meinem Feld rumschwirrt, aber offensichtlich erst jetzt, nach der Woche auf dem Hof, vollständig gelandet ist.

Oder: Ich erlaube mir erst jetzt (hallo, gestriger Vollmond in Löwe!), ihn zu schreiben!

Auf dem Hof meiner Eltern zu sein, ist für mich immer ein zweischneidiges Schwert.

Einerseits liebe ich es dort. Mit den Tieren sein. Meine Wurzeln und die Kraft meiner Ahnen spüren, dieser Ort ist so sehr Heimat für mich! Die Weite der Felder genießen; auf dem Hof und in den umliegenden Feldern ist so viel mehr Weite und Raum als hier in der Stadt, in und um mein aktuelles Zuhause herum.

Andererseits werden mir auf dem Hof, vor allem wenn ich mehrere Tage dort bin, die Wunden und Traumata aus meinen beiden Familienlinien oft sehr bewusst. Es ist ein schöner, mir so vertrauter Ort. Und gleichzeitig auch einer, an dem viel Ungeheiltes, Verdrängtes, Toxisches, sehr Dichtes schwingt.

Manchmal sorgt das dafür, dass meine Wunden, die aus der Familiengeschichte stammen, wieder aufreißen oder mir ihre nächste Schicht zur Heilung präsentiert wird. Das kann sehr anstrengend sein, vor allem, da ich dort tatsächlich durch die aufwendinge Tierversorgung relativ wenig Zeit und Raum habe, wirklich achtsam und in Ruhe mit mir zu sein und mir die Dinge innerlich anzuschauen und heilen zu lassen.

Die Wunden unserer Vorfahren

In meiner Familie gibt es (wie in so, so vielen!) tiefe Traumata, die spätestens im zweiten Weltkrieg ihren Ursprung haben, einiges davon ist meiner Wahrnehmung nach noch deutlich älter. Drei meiner vier Großeltern sind zutiefst traumatisiert als sehr junge Erwachsene von diesem Krieg wieder ausgespuckt worden. Sie waren alle vier Teenager, als der Krieg begann.

Meine Oma väterlicherseits scheint es als einzige meiner Großeltern vergleichsweise „unbeschadet“ überstanden zu haben, beziehungsweise haben sich ihre Traumata jedenfalls nicht ganz so offensichtlich toxisch auf die nachfolgenden Generationen ausgewirkt.

Meine Eltern, beide in den 50ern geboren, haben all diesen Schmerz, über den natürlich nicht gesprochen wurde, unmittelbar abbekommen.

Und 30 Jahre später unangetastet, ungefiltert und unbewusst an mich weitergegeben.

Das ist, was automatisch geschieht: Was wir in uns nicht heilen, geben wir potentiell an unsere Kinder weiter.

Ich bin die erste und bisher einzige in meiner Familie, die sich (inzwischen seit 5 Jahren) den über Generationen angesammelten Schmerz und die Wunden anschaut und sie nach und nach heilt.

Viele meiner Klientinnen und Teilnehmerinnen sind ebenfalls die Ersten in ihren Familien, die sich die Dinge anschauen und in die Heilung bringen. Vielleicht bist auch Du so eine Erste.

So eine Erste zu sein, kann sich unsagbar einsam anfühlen.

Du gehst einen Weg, für den es in der Regel keine Kultur in Deiner Familie gibt: Den der Heilung. Und dieser so lohnenswerte und belohnende Weg schlägt oft eine tiefe Schlucht zwischen Dich und Deine Herkunftsfamilie. Denn oft ist es so, dass unsere Eltern, wenn sie selbst nicht den Impuls zum Hinschauen und zur Heilung hatten, den Weg des absoluten Verdrängens wählen.

Wenn wir selbst uns nun fürs Hinschauen und für die Heilung der Wunden entscheiden, gehen wir in die genau entgegengesetzte Richtung.

Deshalb ist es oft (zumindest zeitweise) unmöglich, den persönlichen Weg der Heilung zu gehen und seinen Eltern nah zu bleiben. (Falls man das überhaupt jemals war.)

Der Schlüssel zur Lösung der meisten unserer Blockaden liegt in unserer Kindheit

Auch wenn unsere Wunden nicht ausschließlich aus unseren persönlichen Erlebnissen in unserer Kindheit stammen, sondern zum Teil auch aus anderen Inkarnationen, aus späteren Jahren in unserem Leben, aus der Ahnenreihe, aus dem Kollektiv, in dem wir leben – es ist für die allermeisten von uns schon ein beträchtlicher Anteil an Wunden, der aus unserer eigenen Kindheit stammt.

Das bedeutet: Wenn wir glücklich und erfüllt leben wollen und unser wahres Potential entfalten möchten, MÜSSEN (ein Wort, dass ich wirklich selten benutze!) wir uns irgendwann auf unserem Weg unsere Kindheit aufrichtig anschauen.

Und das ist für viele von uns eine riesige Hemmschwelle. Weil es unweigerlich bedeutet, das Verhalten unserer Eltern in unserer Kindheit kritisch zu hinterfragen und ganzheitlich zu sehen.

Für viele führt dieses Bestreben zu einem heftigen inneren Konflikt:

Die „weise“, reflektierte Erwachsene möchte den Weg der Heilung gehen, sich die Dinge anschauen und irgendwie verarbeiten. Das innere Kind möchte das „heile“ Bild von den leider meistens in sich gar nicht so heilen Eltern aufrechterhalten und gerät oft in echte Existenzangst, wenn unser erwachsenes Ich anfängt, die Eltern reflektiert und kritisch zu betrachten.

Verständlich, denn: Das Leben eines Kinds ist tatsächlich von den Eltern abhängig. Für ein Kind ist es potentiell lebensgefährlich, sich von den Eltern zu distanzieren oder zu riskieren, ihnen nicht mehr zu gefallen. Deshalb haben wir mit unserem inneren Kind oft einen Anteil in uns, der in große Not gerät, wenn wir unsere Kindheit und das Verhalten unserer Eltern darin kritisch zu hinterfragen beginnen.

Die Angst vorm Hinschauen

Und ich sehe das auch in meinem Umfeld und in meinen Klientinnen als eine der größten Barrieren auf dem persönlichen Bewusstseins- und Heilungsweg: Die Angst davor, sich die Beziehungen zur eigenen Mutter und zum eigenen Vater wirklich offen und ganzheitlich anzuschauen.

Doch da beißt sich eben die Katze in den Schwanz. (Das sagt man doch so, oder?!)

Wenn so viele unserer Blockaden, die uns heute noch davon abhalten, wirklich erfüllt zu leben und unser Potential auf dieser Erde zu entfalten, ihren Ursprung in unserer Elternbeziehung in unserer Kindheit haben; wir aber gleichzeitig genau diese Beziehung(en) nicht anschauen und nicht antasten mögen – wie sollen wir dann weiterkommen?

Genau: Gar nicht!

Was nicht heißt, dass GAR KEIN inneres Wachstum und kein Bewusstseinsweg ohne das Anschauen der Elternbeziehung möglich sind. Das sind sie. Aber es ist relativ klar begrenzt, da der Großteil unserer Blockaden eben doch aus unserer Kindheit stammt. Das ist auch ganz klar so.

Falls sich bei Dir jetzt ein innerer Widerstand gegen diese Aussage erhebt, ist es gut möglich, dass Dein inneres Kind gerade in Panik gerät, weil ein anderer Anteil in Dir die Wahrheit hierin spürt.

Die eigene Elternbeziehung achtsam aufarbeiten

Was also tun, wenn wir gerne auf unserem Weg weiterkommen möchten, unsere Lebenszufriedenheit steigern möchten, unser Potential verwirklichen möchten – aber gleichzeitig merken: Bei dem „Elternthema“ sperrt es gehörig!?

Was, wenn wir merken, dass wir da nicht gerne hinschauen wollen, dass es Angst und Widerstand macht, aber gleichzeitig irgendwie ahnen, dass es vielleicht mal dran ist?!

Für mich haben sich zwei Ansatzpunkte als extrem unterstützend erwiesen:

Erstens: Dein inneres Kind halten!

Wie bereits beschrieben, versetzt es unser inneres Kind potentiell in wahre Existenzangst, wenn wir anfangen, unsere Eltern wirklich zu hinterfragen. Unser inneres Kind ist (so wie ich es sehe) ein echter Anteil in uns, eben einer, der aus der Kindheit stammt. Das heißt: Ein Anteil unserer Persönlichkeit gerät tatsächlich in große Not, ja Panik, wenn sich die (aufrichtige!) Aufarbeitung der Elternbeziehung ankündigt.

Ich glaube, man kann auch gut die ersten Stufen dieser Arbeit durchlaufen, ohne dass das innere Kind in Panik gerät, aber an irgendeinem Punkt, wenn’s wirklich ans Eingemachte geht, ist es meiner Meinung nach ziemlich unausweichlich, dass es innerlich sehr schwierig wird.

Dann gilt es, aus unserem erwachsenen Ich heraus wirklich mit unserem inneren Kind-Anteil in Kontakt zu gehen (zum Beispiel in einer Meditation), es zu halten und zu schützen, zu schauen, was seine wahren Bedürfnisse sind und diese zu erfüllen. Wir können so selbst die Rolle eines gesunden Elternteils für unser inneres Kind übernehmen.

Das ist tatsächlich so möglich und eine sehr heilsame Methode. Wir können uns quasi selbst „Nach-Bemuttern“ und unserem inneren Kind geben, was es braucht und vielleicht von unseren Eltern nicht bekommen hat.

Diese Arbeit ist meiner Erfahrung nach eine fortwährende, die wir immer wieder tun dürfen – an bestimmten Stationen unseres Weges ist sie mehr und intensiver gefordert als an anderen.

Zweitens: Achtsame Bewusstseinsarbeit

Ein zweiter wichtiger Aspekt in dieser Arbeit ist meiner Erfahrung nach die sehr, sehr achtsame Bewusstseinsarbeit. Damit meine ich, dass es wichtig ist, Deine Gedanken und Emotionen bewusst und achtsam zu beobachten und zu schauen, woher sie kommen.

Nicht selten übernimmt unser inneres Kind mit seiner starken Angst in solchen Prozessen das Ruder – und dann ist es wichtig, das innere Kind gut zu versorgen und zu halten, aber den Heilungsprozess mit dem gesunden, erwachsenen Ich als Führungskraft zu durchschreiten.

Dazu zählt auch – von diesem Gedanken stammt der Titel dieses Artikels – uns immer wieder bewusst zu machen, dass es nicht „böse“ und auch nicht „lebensgefährlich“ ist, den Heiligenstatus unserer Eltern anzutasten und aufzulösen.

(Den haben sie tatsächlich für unser inneres Kind! Unsere leibliche Mutter ist unsere erste Erfahrung von Gott auf dieser Erde!!!)

Wir müssen unsere Eltern antastbar machen, wenn wir heilen wollen, wenn wir ganz in unsere Kraft kommen wollen. Meiner Meinung nach geht da kein Weg dran vorbei.

Wir müssen sie irgendwann von dem Podest holen, auf das wir sie als Kinder ganz natürlich gestellt haben.

Wenn wir das nicht über uns bringen – und das sehe ich leider gar nicht so selten – dann begrenzen wir uns in quasi allen Lebensbereichen und kommen niemals ganz in unser erwachsenes, ermächtigtes Sein und ins volle Verkörpern unserer Essenz auf dieser Erde.

Ein ganzheitlicher Blick

Das „Antasten“ unserer Eltern bedeutet auch nicht, dass wir sie in der Folge nur noch „negativ“ sehen. Letztendlich geht es darum, eine ganzheitliche Sicht zu erlangen. Doch der Weg weg von der Idealisierung der Eltern durch unser inneres Kind hin zur ganzheitlichen Perspektive einer erwachsenen Tochter erfordert oft, uns vor allem das anzuschauen, was wir an unseren Eltern nie gerne sehen wollten:

Ihre Wunden, ihre ungesunden, dysfunktionalen und toxischen Muster, die tiefen Wunden, die ihr verwundetes und ungeheiltes Verhalten in unserem Leben erzeugt hat.

Unser inneres Kind ist die erste Träger*in dieser Wunden und zugleich der Anteil in uns, dem es am schwersten fällt, diese toxischen Verhaltensweisen und inneren Muster an unseren Eltern wirklich als existent und wahr zu akzeptieren und sie auch (zumindest vor uns selbst, noch besser/heilsamer vor „Zeug*innen“) auszusprechen. Das macht solche Prozesse oft sehr herausfordernd.

Trauer, Wut, Ärger, Frustration, Verzweiflung können zeitweise in solchen Prozessen sehr intensiv bei uns sein. Das ist ok und gehört dazu. Es ist wichtig, unsere Trauer, Wut und Co. zuzulassen und durch uns durch fließen zu lassen, damit unsere eigenen Wunden heilen können und wir mehr und mehr bei uns selbst ankommen können.

Deswegen ist es aus meiner Sicht unumgänglich, die eigenen Eltern irgendwann auf dem Weg zu hinterfragen; sich das wirklich zu erlauben (!!) und eine gesunde, reflektierte Distanz (aka Abnabelung!) zu ihnen zu erlangen. Und eben auch selbst zu lernen, den Schmerz des eigenen inneren Kindes zu halten und ihm selbst eine liebevolle Mutter zu sein.

Es ist nicht immer leicht, diesen Weg zu gehen, aber meiner Erfahrung nach lohnt er sich unglaublich und bringt uns so viel weiter in unsere einzigartige Kraft. Die Welt braucht uns nun mal in unserer Kraft –und wir uns auch!

Wenn Du Dir nährende, tiefgehende Unterstützung für Deinen persönlichen Weg in Deine einzigartige Kraft wünschst, bin ich gerne mit einem Reading oder einer Session für Dich da.

Namaste.

Meine Arbeit ist dafür gemacht, Dich auf diesem Weg kraftvoll zu begleiten und zu unterstützen. Am besten startest Du mit meiner kostenlosen E-Mail-Serie „Weiblich, kraftvoll, einfach Du“.

Ich freu mich auf unsere nächsten gemeinsamen Schritte.

Beitrags- und Pinbild: AndriyKo Podilnyk via unsplash.com

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About the author

Suzanne: Suzanne ist spirituelle Lehrerin, Speakerin & Autorin.

2 Comments

  1. Klara

    Februar 11, 2020
    Antworten

    Danke für den Artikel. Ich bin auch die Erste in der Familien nach Generationen von Traumata und es ist kein leichter Weg. Vor allem ist es kein geradlinigen Weg, der irgendwann aufhört und alles ist gut am Ende. Heilung und Loslassen ist für mich eine unaufhörliche, tägliche Praxis in Achtsamkeit und Schmerz zulassen und rauslassen. Es ist oft schmerzvoll wie eine Geburt und irgendwie ist es auch so. Das Alte wird losgelassen und etwas Neues entsteht. Die Geburtswehen zuzulassen geht nicht überall in jeder Lebenssituation.

    • Suzanne

      Februar 11, 2020
      Antworten

      Liebe Klara,
      vielen Dank für Deinen Kommentar! Du hast sehr Recht, es ist kein linearer Prozess, er verläuft in Zyklen, und ob er jemals ganz abgeschlossen ist ~ keine Ahnung! Ja, schmerzvoll ist er immer wieder an verschiedenen Stellen, und auch unglaublich lohnenswert, wie ich finde! Wie wundervoll und mutig, dass auch Du diesen Weg gehst. Was wir in uns heilen, heilen wir in der Welt. Alles Liebe für Dich!
      Suzanne

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